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Wir wissen, dass wir nichts wissen – wie uns werteorientiertes Handeln frei und flexibel macht

Wir wissen, dass wir nichts wissen – wie uns werteorientiertes Handeln frei und flexibel macht

„Wir wissen, dass wir nichts wissen - Mit diesem Mindset unterstützen wir uns selbst und andere frei, kreativ, wertschätzend, selbstbewusst und erfolgreich zu sein.“ – so lautet einer der Kernwerte unserer Organisation. Meiner persönlichen Erfahrung nach wird in unserer Gesellschaft großer Wert daraufgelegt, Dinge „zu wissen“. Schon in der Schulzeit geht es letztlich darum – wer „weiß“ die Antwort auf eine Frage, wer kann in den Klausuren maximal viel Wissen reproduzieren. Wer weiß, wird belohnt. An der Universität zeigt sich – allen Gruppenaufgaben und Übungen zum Trotz – in der Klausurenphase das gleiche Bild. (Vermutlich war ich deshalb auch nur halb-erfolgreich ;) ). Daher ist es letztlich wenig verwunderlich, dass auch im Beruf diejenigen als kompetent, entscheidungsfähig und erfolgreich angesehen werden, die Antworten und Meinungen parat haben. Warum also hat sich das „Nicht-Wissen“ so prominent in unserer Organisation zu verankert?

Nicht-Wissen macht frei und kreativ

Unserer Erfahrung nach hindert „Wissen“ eher daran, eine gute und pragmatische Lösung für Probleme zu finden. Der Glaube daran, eine Antwort schon zu kennen, bevor die Frage komplett formuliert ist, hält uns davon ab, in jede Richtung zu denken und auch Optionen in Betracht zu ziehen, die uns spontan nicht in den Sinn kommen. Im unternehmerischen Alltag haben wir als Organisation tagtäglich viele Entscheidungen zu treffen. Und die Wahrheit ist: wir wissen nicht, ob unsere Entscheidung „richtig“ oder „falsch“ ist, oder was sie konkret bewirken wird. Unserer Erfahrung nach können wir das auch nicht wissen, zeigt sich uns die Welt nicht in schwarz und weiß, sondern in vielen Grauschattierungen. Die meisten unserer Entscheidungen enthalten eine große Anzahl an Unsicherheitsfaktoren, deren Auswirkungen wir auch dann nur schätzen können, wenn wir uns ihrer bewusst sind.

Uns diese Umstände bewusst zu machen, uns täglich daran zu erinnern, und bei jeder Entscheidung zu berücksichtigen, macht uns von dem Druck frei, Antworten wissen zu müssen. Wir wissen nicht, ob die Preisänderung eines Artikels eine Auswirkung auf den Absatz hat. Wir wissen nicht, ob für unseren neuen Kunden das eine oder das andere Produkt das Richtige ist. Wir wissen nicht, ob ein Bewerber zu uns passt, weil er im ersten Telefonat sympathisch war.

Ein Verfechter dieser "Unsicherheits-Theorie" ist auch Nassim Taleb, der sich in seinen sehr interessanten und viel diskutierten Büchern damit beschäftigt, dass Menschen gemachte Erfahrungen in die Zukunft projizieren, und warum dieser Ansatz häufig nicht der zukünftigen Realität entspricht.

Thesen anstatt Antworten

Aber natürlich haben auch wir unsere Entscheidungen zu treffen, wenn wir als Unternehmen handlungsfähig bleiben wollen. Unser Weg, damit umzugehen, ist, Thesen anstatt Antworten zu formulieren. In der Diskussion denken wir darüber nach, warum wir eine Entscheidung zu treffen haben, und was die mögliche Auswirkung sein kann oder sein soll. Daraus leiten wir Thesen ab. Diese Thesen ermöglichen es uns dann im Zeitverlauf, unsere Entscheidungen zu bewerten, und abzuleiten, ob wir mit der Entscheidung weiterhin glücklich sind, oder ob wir eine Anpassung vornehmen. Anstatt zu sagen: „Die Reduzierung der Preise wird zu einer Steigerung der Kundenbestellungen führen“ würde die These bei uns lauten: „Wir wissen nicht, welche Auswirkung auf die Kundenbestellungen eine Reduzierung der Preise hat. Wir könnten uns vorstellen, dass eine Reduktion um x% eine Zunahme der Kundenbestellungen um y% zur Folge hat. Für uns wäre eine Änderung der Preise dann erfolgreich, wenn wir durch 10% Mehrbestellungen unseren Deckungsbeitrag konstant halten würden.“ Diese These ist leicht überprüfbar, und stellt sich das gewünschte Ergebnis nicht ein, fällt es uns leicht, von der These abzulassen.

Wertschätzende Kommunikation

Das bringt uns zu dem – für mich – fast wichtigsten Punkt, nämlich der Kommunikation innerhalb des Teams. Wenn Antworten wichtig sind, geht es weniger darum, gute Entscheidungen zu treffen, sondern darum, wer Recht hat. Die Auswirkungen einer solchen Entwicklung können wir täglich in Politik-Talkshows sehen.

Indem wir uns darauf besinnen, dass wir eine Frage niemals in Absolutheit beantworten können, dass sich jeder von uns irrt, und dass wir höchstens halbwegs solide Thesen aufstellen können, nehmen wir die Schärfe und den Druck aus den Diskussionen und ermöglichen wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe. Natürlich passiert es auch uns, dass wir uns in einer „aber meine Meinung ist, dass…“-Diskussion verrennen, meistens hilft dann ein kurzes „Leute, faktisch wissen wir es doch nicht, was wären denn Thesen um es zu prüfen?“. Das führt bei uns auch dazu, dass keiner sein Gesicht verliert, weil er sich bei der Suche nach Antworten zu weit aus dem Fenster gelehnt hat. Denn die Frage „Wer ist schuld“ ist eine der destruktivsten Frage überhaupt…

Auch und gerade wir Gründer nehmen uns in diesen Diskussionen gerne zurück und lassen uns gerne überstimmen. Wir haben und wir wollen keine Hierarchie in Gesprächen und Diskussionen. Gerade die Ideen von neuen, jungen, in diesem Bereich nicht erfahrenen Mitarbeitern sind extrem wertvoll und haben uns schon häufig in eine Richtung gebracht, an die wir nicht gedacht hatten. Hätten wir ein System, das auf „Der Chef hat Recht“ basiert, würden wir diese Stimmen in Diskussionen eher nicht hören.

Ich habe das Gefühl, dass dieser Wert extrem hilfreich für eine positive Entwicklung unseres Unternehmens ist. Zusätzlich fühlt es sich für mich sehr viel besser an, an Diskussionen teilzunehmen, in denen wir kollektiv gute Ideen und Thesen suchen, und es nicht darum geht, dass ich meine Meinung durchsetzen will. Gerade aktuell in Krisenzeiten hilft uns dieser Wert, handlungsfähig zu bleiben, und schnell auf neue Gegebenheiten zu reagieren.

Wenn diese Idee für euch interessant ist, kann ich noch das Buch „Principles“ von Ray Dalio empfehlen. Als Gründer und Unternehmer hat er seine „Grundsätze“ aufgeschrieben, und auch er hat „Nicht-Wissen“ als einen sehr wichtigen Stützpfeiler in seiner Industrie (Finanzmärkte) ausgemacht. Bei Rückfragen oder Anmerkungen hierzu freue ich mich jederzeit über eine Nachricht!

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